Wir sind die wahren Länder

Wir sterben. Wir sterben reich an Liebhabern und an Völkern, an Säften, die wir genossen haben, an Körpern, in die wir eingedrungen sind und die wir durchschwommen haben wie Flüsse. Wir sterben reich an Ängsten, in denen wir uns versteckt hielten wie in dieser verfluchten Höhle. Ich möchte von all dem Spuren auf meinem Körper. Wir sind die wahren Länder, nicht die Grenzen auf den Karten, mit den Namen mächtiger Männer. Ich weiß Du wirst kommen und mich hinaustragen in den Palast der Winde. Mehr habe ich mir nicht gewünscht als mit Dir an einem solchen Ort herumzulaufen, mit Freunden, auf einer Erde ohne Landkarten. Die Lampe ist ausgegangen. Ich schreibe weiter, im Dunkeln.

Michael Ondaatje – Der Englische Patient

 

 

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Schritte sind unwiderruflich

Die laute Stille dieser Stadt zerreißt ihr das Trommelfell, die Fesseln ihrer Freiheit schnüren ihr die Luft ab und die blinkenden Reklametafeln blenden sie. Verfolgt von den Dämonen ihres Daseins hat sie sich auf ihr Dach geflüchtet. Inmitten von Luftfiltern, leeren Bierdosen und verdrängten Ängsten sitzt sie dort, starrt in die Nacht und nässt ihre Wangen mit den Tränen, die sich endlich durch die Höhlen ihrer Augen einen Weg in die Freiheit bahnen.

Lichter/Menschen/um sie herum/zwingen/zwängen/drängen/in den Fall

Aufstehen/Füße/wütend/treten Dosen/Flaschen/klirren/zerbrechen/werden Scherben/bringen/kein Glück

Die Dosen scheppern aneinander, bieten sich einen Wettlauf, stacheln sich gegenseitig an, werden müde, bleiben auf der Strecke. Mit langsamen Schritten steuert ihr leerer Körper den Rand des Flachdaches an, bleibt vor der Stufe stehen und beobachtet das wilde Treiben aus hetzenden Menschen, gelben Taxen und schallenden Motorengeräuschen.

Bilder rasen/zeigen/Realität/verschwimmt/in Bild/und Ton/zu bunter Suppe/mit rauschendem Klang

Sie hebt den rechten Fuß, der mit dem sie seit 21 Jahren jeden Morgen aufstand und der doch immer der Falsche war, stellt ihn auf die kleine Stufe, der Linke folgt, und mit ihm ein weiches Kitzeln in den Knien. Unzufriedenheit und Trauer fallen, unsichtbare Käfigtüren öffnen sich, durch den unsichtbaren Schlüssel des nächsten Schrittes nach vorn

Egoismus/Fall/ein freier/Stockwerke rasen/hinab/vorbei/das letzte Lächeln/ein wahres/Freiheit/unwiderruflich

…dich lachen, mich schreien und uns leben.

Du sitzt noch gebeugt auf dem weichen Boden, hälst dir deinen Fuß, über den du eben ungeschickt gestolpert bist, du atmest schwer, aber du lachst. Ich liege dicht neben dir im hohen Gras, schmunzelnd, mustere deinen Rücken und gönne dir das Missgeschick ein bisschen. Du musstest mich ja unbedingt über die Schulter werfen und durch dieses Rapsfeld rennen. Der leichte Schwindel lässt nach und ich hebe meine Hand, fahre dir durchs glitzernde Haar, ein paar gelbe Blüten rieseln heraus. Du drehst dich um, schenkst mir ein Lächeln das die Welt retten könnte und legst dich zu mir. Inmitten einer Höhle aus grünen Rapsstängeln liegen wir, deine Hand auf meinem Bauch, meine im weichen Gras unter uns, mit ein paar Halmen spielend. Ich drehe mich zu dir, liege auf der Seite und deine Finger wandern. Den steilen Berg meinen Arm hinauf, machen Rast auf meiner Schulter, um dann in das steile Tal meiner Taille zu gleiten, wieder meine Hüfte hinauf. Ich schließe die Augen und genieße die sonnengeschwängerte Luft, als deine Hand unter mein Kleid fährt, unterstützt von einem leichten Windstoß. Unsere Nasen berühren sich fast und die Zeit schreit danach angehalten zu werden. Du gibst mir einen leichten Schubs an der Hüfte und ich liege wieder auf dem Rücken, atmen will ich nicht mehr, erst recht nicht als du nach meinem Kinn greifst, mir mein Kleid abstreifst und mir mit einem Kuss das Schwindelgefühl wieder gibst. Erst zart, leicht schwankend, dann heftig, mich in einen Rausch versetzt, als du plötzlich über mir liegst.

Ein paar Pflanzen mehr sind eingeknickt, die alte Blütenpracht hat sich wieder in unser Haar gewagt und keuchend liegen wir nebeneinander, deine Hand liegt vertraut auf meiner Brust, dein Daumen dreht zärtliche Runden, du flüsterst mir Geständnisse zu, die ich niemals hören wollte und doch bin ich süchtig nach ihnen, aus deinem Mund. Du lächelst wieder, und noch bevor ich die Hinterlist daraus erkennen kann, nutzt du meine Schwäche, kitzelst mich und ich finde mich über deiner Schulter wieder, von wo ich deine rennenden Füße und gelbe Blüten unter mir vorbeirauschen erkenne. Und wie aus der Ferne höre ich dich lachen, mich schreien und uns leben!

 

(photo by Tamara Lichtenstein)

What should I do about the wild and the tame? The wild heart that wants to be free, and the tame heart that wants to come home. I want to be held. I don’t want you to come too close. I want you to scoop me up and bring me home at nights. I don’t want to tell you where I am. I want to keep a place among the rocks where no one can find me. I want to be with you.

(Jeanette Winterson)

Auf Dächern sitzen

Wann sitzen wir wieder auf Dächern, trinken billigen Fusel, den wir uns nur mit Schraubverschluss gekauft haben, weil wir keine Flaschenöffner in unseren Flohmarkthandtaschen herumtragen? Wann schauen wir wieder über die Dächer dieser Kleinstadt, lassen uns on Werbetafeln anschreien und von Lichtern ertränken, reden über unser kurzes Leben und von der großen Welt, unserer Welt, die so klein ist und garnicht weit. Wir könnten uns vorstellen wie wir von Haus zu Haus springen, als wären wir Superhelden und könnten die Sternschnuppen einfangen, die wir seit Anbruch dieser schwül erhitzten Nacht zählen. Unsere geruschten Backen wären heiß vom Alkohol und wir würden sie an der, zur Hälfte geleerten, Flasche kühlen. Wir könnten uns auf die dreckigen Wolldecken setzen und Polaroids schießen, die Geschichten beinhalten, und Emotionen, und Geheimnisse. Es wäre eine Nacht voller Gespräche und Freundschaft, unvergesslich. Wir würden den Sommer ausklingen lassen und uns vielleicht mit unseren großen Plänen übernehmen. Aber das wäre uns egal, weil wir jung und wild sind, weil wir Träume und Ziele haben, weil wir leben wollen und können, sobald wir unser Abi haben. Denn wir stellen fest es gibt immer eine Zeit danach. Wir würden immer leider murmeln, uns vornehmen nicht einzuschlafen, um den feuchten, kühlen Sonnenaufgang mitzuerleben und ihn in einen Song fassen. Vertonen könnten wir ihn nie, weil wir mehr als unmusikalisch sind. Aber das ist nicht wichtig. Genau wie alles andere, hier, auf dem Dach, im Sommer, nachts. Es würde schön sein.

(via tumblr)

Ich schrie in die Spätsommernacht

Er schnauft noch. Liegt verschwitzt neben mir. Er stinkt. Was Er tut stinkt. Alles stinkt.

 

Es fing an kurz nach meinem 14. Geburtstag. Mit zarten Berührungen. Mit einem überheblichen Lächeln. Mit geflüsterten Bemerkungen. Wenn ich aus dem Bad kam sah er mich an mit diesem Blick. Wenn ich vor ihm lief spürte ich seine gierigen Augen. Sie umgarnten meinen Körper. Meine ersten Kurven. Nahmen mir mein Selbstbewusstsein. Meine Freude an der Jugend.

Sie schaute er nicht an. Sie schaute weg.

Sie war nicht da als Er kam. Nur wir beide. Er und ich. Mehr Er als ich.

Ich wehrte mich nicht. Er hatte mich schon. Hat mich mit seinen Blicken ruiniert.

Sein Knie. Seine Hände. Sein Atem, schwer vom Alkohol. Sein gieriger Blick. Sein ekelhaftes Grunzen. Sein Gewicht auf mir. Es schnürte mir die Luft ab. Ich schrie in die Spätsommernacht.

 

Es ist Winter. Er geht aus dem Zimmer. Ich stinke nach ihm. Das Bettlaken hat Er befleckt.

Mama wird es waschen und nicht hinsehen.

 

Sie sagen das Kind kommt im Mai.

Jetzt!

Jetzt fange ich von vorne an! Jetzt starte ich durch! Jetzt sind die Nächte mir! Jetzt kenne ich keine Regeln mehr! Jetzt scheiß‘ ich auf  Meinungen! Jetzt bin ich jung! Jetzt beginne ich zu leben! Jetzt hab‘ ich Mut! Jetzt mach‘ ich was Verrücktes! Jetzt verbaue ich mir meine Zukunft! Jetzt reiße ich aus!

Oder vielleicht doch erst nachher…